Liebes Publikum, im Musiktheater beschäftigen wir uns in der kommenden Spielzeit mit der Frage nach selbstbestimmten Entwicklungsmöglichkeiten und individueller Freiheit im Rahmen gesellschaftlicher und kultureller Kontexte.

Die Protagonistin in Donizettis Oper Lucia di Lammermoor ist Spielball familiärer Interessen in einer patriarchalen Gesellschaft. Von den sie dominierenden Männern wird auch ihr Tod in Kauf genommen. Eingeschnürt in ein enges Korsett aus an sie gestellte Erwartungen, besteht ihre einzige Möglichkeit in der Flucht in eine alternative Traumwelt. Auch in das Schwesternpaar in Richard Strauss’ Oper Arabella werden Erwartungen gesetzt, die ihre eigenen Bedürfnisse komplett ignorieren. Um die Familie zu sanieren, wird von Arabella verlangt, einen ihr fremden, reichen Mann zu heiraten. Ihre Schwester Zdenka muss sogar im falschen Körper aufwachsen. Da die Familie sich keine zweite Aussteuer leisten kann, wird sie als Zdenko männlich „verkauft“.

Geschlechtsidentität wird auch heute immer noch infrage gestellt und die Zahl der Femizide – ohnehin auf erschreckend hohem Niveau - steigt in Deutschland kontinuierlich.

In dem Musical Frankenstein wird dem neu geschaffenen Wesen gar die Existenz eines eigenen Ichs und den damit verbundenen Entwicklungsmöglickeiten vollkommen abgesprochen - mit verheerenden Folgen. Als Gegenpol dieser Deformationen findet hingegen Orpheus auf dem Weg durch vielerlei Erfahrungen zu seiner Bestimmung – und zur Kunst. Wenn wir ihn begleiten, erinnern wir uns vielleicht an die Möglichkeiten, die in uns stecken, als Individuen und als Gesellschaft, wenn wir an die Kraft der Freiheit und der Toleranz, der Empathie und der Verantwortung glauben.

Kay Kuntze

Operndirektor